Du verdienst gut, hast ein solides Depot aufgebaut – und fragst dich jetzt, ob du besser auf Aktienfonds oder auf Einzelaktien setzen solltest. Die Antwort ist nicht nur eine Frage der Rendite, sondern vor allem eine steuerliche. Seit der Investmentsteuerreform 2018 gelten neue Spielregeln, die viele Gutverdiener immer noch nicht auf dem Schirm haben. Dabei kann die richtige Entscheidung zwischen Fonds und Direktinvestment mehrere Tausend Euro pro Jahr ausmachen.
Investmentsteuerreform 2018: Was sich grundlegend geändert hat
Vor 2018 war die steuerliche Behandlung von Fonds ein kompliziertes Geflecht aus ausschüttungsgleichen Erträgen, Zwischengewinnen und Substanzausschüttungen. Mit der Reform hat der Gesetzgeber das System radikal vereinfacht – und gleichzeitig einen entscheidenden Vorteil für Fondsanleger eingeführt: die Teilfreistellung.
Das Prinzip: Fonds zahlen auf Fondsebene bereits eine Körperschaftsteuer von 15 % auf inländische Dividenden und Immobilienerträge. Um diese Vorbelastung auszugleichen, werden die Erträge beim Anleger teilweise freigestellt. Bei Aktienfonds (mindestens 51 % Aktienanteil) bleiben 30 % der Erträge steuerfrei. Bei Mischfonds sind es 15 %, bei Immobilienfonds 60 % (bzw. 80 % bei Auslandsimmobilienfonds).
Konkret heißt das: Wenn dein Aktienfonds 10.000 Euro Gewinn ausschüttet oder du ihn mit diesem Gewinn verkaufst, musst du nur auf 7.000 Euro Abgeltungssteuer zahlen. Bei einem Grenzsteuersatz von 26,375 % (inkl. Soli) sparst du allein durch die Teilfreistellung rund 791 Euro gegenüber einem voll steuerpflichtigen Direktinvestment.
Einzelaktien: Volle Steuerpflicht, aber mehr Kontrolle
Wenn du direkt in Einzelaktien investierst, greift keine Teilfreistellung. Dividenden und Kursgewinne werden zu 100 % mit der Abgeltungssteuer von 25 % plus Solidaritätszuschlag (insgesamt 26,375 %) besteuert – bei Kirchensteuerpflichtigen sogar bis zu 27,99 %. Jeder Euro Gewinn wird also voll erfasst.
Das klingt erst mal nachteilig. Aber Einzelaktien haben andere Vorteile: Du bestimmst selbst, wann du Gewinne realisierst. Du kannst gezielt Verlustpositionen verkaufen, um Gewinne zu verrechnen. Und du zahlst keine laufenden Fondsgebühren, die deine Rendite schmälern. Bei einem aktiv gemanagten Fonds mit 1,5 % Gesamtkostenquote (TER) gehen bei einem Depotwert von 500.000 Euro jedes Jahr 7.500 Euro an die Fondsgesellschaft – Geld, das dir bei Einzelaktien bleibt.
Rechenbeispiel: 100.000 Euro Gewinn im Vergleich
Nehmen wir an, du realisierst einen Kursgewinn von 100.000 Euro. Dein Sparerpauschbetrag ist bereits ausgeschöpft. So sieht die Steuerbelastung aus:
Aktienfonds mit Teilfreistellung (30 %): Steuerpflichtiger Anteil: 70.000 Euro. Abgeltungssteuer plus Soli (26,375 %): 18.462,50 Euro. Netto nach Steuern: 81.537,50 Euro.
Einzelaktien ohne Teilfreistellung: Steuerpflichtiger Anteil: 100.000 Euro. Abgeltungssteuer plus Soli (26,375 %): 26.375 Euro. Netto nach Steuern: 73.625 Euro.
Die Differenz: 7.912,50 Euro – allein durch die Teilfreistellung. Bei höheren Gewinnen skaliert dieser Vorteil linear mit. Wer über die Jahre 500.000 Euro Gewinn mit Aktienfonds realisiert, spart knapp 40.000 Euro gegenüber Einzelaktien. Das ist kein Rundungsfehler, sondern ein struktureller Steuervorteil.
Die Vorabpauschale: Der versteckte Nachteil bei thesaurierenden Fonds
Seit der Reform gibt es allerdings einen Haken bei thesaurierenden Fonds: die Vorabpauschale. Auch wenn du nichts verkaufst und der Fonds nichts ausschüttet, verlangt das Finanzamt eine jährliche Mindestbesteuerung. Die Vorabpauschale berechnet sich aus dem Basisertrag, der wiederum vom Basiszins der Bundesbank abhängt.
Für 2025 liegt der Basiszins bei 2,53 %. Bei einem Fondsanteil im Wert von 200.000 Euro ergibt sich ein Basisertrag von 200.000 × 2,53 % × 0,7 = 3.542 Euro. Nach Teilfreistellung (30 %) sind 2.479,40 Euro steuerpflichtig, was zu einer Steuerlast von rund 654 Euro führt – ohne dass du einen Cent Gewinn realisiert hast.
Bei Einzelaktien fällt diese Vorabpauschale nicht an. Kursgewinne bleiben komplett steuerfrei, bis du sie tatsächlich realisierst. Das gibt dir maximale Kontrolle über den Zeitpunkt der Besteuerung – ein Vorteil, der besonders bei langfristigen Buy-and-Hold-Strategien ins Gewicht fällt.
Welche Strategie passt zu dir?
Die ehrliche Antwort: Es gibt kein pauschales Besser oder Schlechter. Es kommt auf deine individuelle Situation an. Hier eine Orientierung:
Aktienfonds (insb. ETFs) lohnen sich, wenn du breit diversifizieren willst, ohne dich um Einzeltitel-Auswahl zu kümmern. Die 30 % Teilfreistellung ist ein harter steuerlicher Vorteil, der sich über die Jahre summiert. Besonders bei regelmäßigen Ausschüttungen oder Umschichtungen macht der Steuervorteil einen spürbaren Unterschied. Günstige ETFs mit einer TER von 0,1–0,3 % halten die Kostenbelastung minimal.
Einzelaktien lohnen sich, wenn du ein konzentriertes Portfolio mit wenigen Überzeugungstiteln fährst und Gewinne langfristig laufen lässt. Die fehlende Vorabpauschale und die volle Kontrolle über Gewinnrealisierung können den Nachteil der fehlenden Teilfreistellung ausgleichen – vorausgesetzt, du hältst wirklich lange und schichtest selten um.
Die Kombination beider Ansätze ist in der Praxis oft die klügste Lösung. Ein breiter ETF-Kern für die Basisallokation, ergänzt durch gezielte Einzelpositionen für Überrenditen. So nutzt du die Teilfreistellung für den Großteil deines Depots und behältst gleichzeitig die Flexibilität bei ausgewählten Titeln.
Fazit: Steuern sind kein Nebenschauplatz
Viele Gutverdiener optimieren ihre Rendite bis auf die zweite Nachkommastelle – und verschenken gleichzeitig Tausende Euro durch eine suboptimale Steuerstruktur. Die Teilfreistellung bei Aktienfonds ist ein echtes Geschenk des Gesetzgebers, das du nicht ignorieren solltest. Gleichzeitig kann ein gut geführtes Einzelaktien-Portfolio durch Steuerstundung langfristig ähnlich effizient sein.
Entscheidend ist, dass du deine Anlagestruktur nicht nur nach Renditeerwartung, sondern auch nach steuerlicher Effizienz ausrichtest. Ein unabhängiger Finanzberater kann dir helfen, die optimale Mischung für deine persönliche Steuersituation zu finden – und so sicherstellen, dass am Ende mehr von deinem Vermögen bei dir bleibt.



